Bewusstsein, Liebe und Autos

Ich habe schon so oft mein Auto am Bahnhof abgestellt. Meistens ungefähr an der gleichen Stelle. Das erleichtert das Wiederfinden. Sie kennen das ja bestimmt. Wenn Sie Ihr Auto nur einmal zwischendurch an einer anderen Stelle abstellen, verwirrt das das System. Normalerweise muss das Gehirn nämlich solche Informationen nicht mehr eigens abspeichern. Das Wiederfinden des Autos geschieht sozusagen sublim somnambul. Sie gehen also den Weg vom Bahnhof zum Auto quasi traumwandlerisch und plötzlich – mittendrin und unerwartet – durchfährt Sie der Gedanke: War es wirklich hier? Sie sind nicht mehr ganz sicher. Nur noch ziemlich. Und dann biegen Sie um die Ecke und – da steht es wirklich! Wie ein liebgewonnener alter Freund.

Plötzlich lernen Sie das Gefühl kennen, das bei Männern genetisch verankert ist: Sie empfinden etwas für Ihr Auto. Es ist fast so ein bisschen wie Liebe. Da steht er und wartet auf Sie. Sie sind beinahe ein bisschen glücklich, ihn wieder zu sehen. Wissen Sie jetzt, warum Männer Stunden mit ihm verbringen? Ihn zärtlich liebkosend blank wienern und ihm immer wieder kleine Geschenke machen? Mal ein Spoiler, dann wieder neue Winterreifen. So ein Auto hat eben auch etwas magisches…

Wieso ich weiß, dass dass mein Autowenn ist, wenn ich um die Ecke biege? Na, wegen des Nummernschildes ganz einfach. Das war auch so eine Geschichte. Ich gehe zur Zulassungsstelle und natürlich hätte ich gerne ein Nummernschild mit meinen Initialen, aber das kostet ja inzwischen auch und damals, als Studentin, hatte ich halt nicht so viel Geld. Wie es der Zufall will, hatte die Dame am Schalter gerade den Block mit meinen Initialen auf dem Tisch liegen. So kriegte ich es für umsonst. Na ja, irgendwie war ich schon immer ein Glückskind. Oder war das gar kein Zufall? Ich meine, vielleicht ziehe ich das ja irgendwie magisch an?

Werbeanzeigen

Premierenfeier und noch mehr Zauber

Die Premiere war jedenfalls echt bahnbrechend. Ein Erfolg auf der ganzen Linie! Auch die anderen vier Anrufer konnte ich mit etwas Psychologie und Brimborium restlos zufrieden stellen. Ein tolles Gefühl. Der Intendant, Herr Süzigy und ich, wir taumelten sprichwörtlich im Rausch des Anfangserfolgs an diesem Abend und später dann auch wörtlich. Ich wurde dann mit dem Dienstwagen des Intendanten nach Hause gebracht, weil es schon sehr spät war.

Der Fahrer des Intendanten bat mich dann noch um meinen Rat als Hexe wegen seiner Frau, die ständig an ihm rumnörgelte. Wahrscheinlich lag es am Wein, aber ich begann mich mit meiner neuen Rolle so zu identifizieren, dass ich ihm im Brustton der Überzeugung erklärte, das liege sicher an seinem schlechten Karma aus einem früheren Leben. Weil nämlich jeder das kriegt, was er verdient. Ich zum Beispiel hätte gutes Karma. Das leuchtete ihm ein. Ich empfahl ihm, seine Frau als eine Art Prüfung zu betrachten, die das Schicksal ihm auferlegt hätte. Nur wenn es ihm gelänge, sie so zu lieben, wie sie sei, könnte er sein Karma verbessern. Er müsse also sehr stark sein, das sei aber kein Problem, denn ich würde in seiner Aura wahrnehmen, dass er energetisch das Potenzial absolut habe und ich verriet ihm noch ein paar Geheimrezepte aus meiner Hexenküche, damit er sich mit Energie aufladen konnte, wenn er welche brauchte. Ich segnete ihn zum Abschied und er ist seither einer meiner treuesten Fans. Jedes Mal, wenn er mich nach der Sendung nach Hause fährt, berichtet er begeistert, welche Fortschritte er mit seiner Frau gemacht hätte. Ich bin ehrlich gesagt, selbst ganz erstaunt, sie schien ihm ja tatsächlich zu Füßen zu liegen inzwischen.

Am nächsten Morgen war ich einfach nur noch glücklich und zufrieden. Dann fiel mir ein, dass mein Auto noch am Bahnhof stand. Na ja, ein kleiner Spaziergang würde mir gut tun. Als ich das Haus verließ, begegnete ich meiner Nachbarin. Die sah mich sehr, sehr seltsam an. Das war soweit nichts Neues. Das tat sie immer. Aber heute lag in ihrem Blick keine Frage mehr, sondern eine Antwort. Sie hatte es schon immer geahnt. Sie grüßte mich trotzdem. Wohl, weil ich jetzt auch gesellschaftlich etabliert war. Eine Hexe in der Nachbarschaft haben die Leute nicht so gerne. Aber eine berühmte Hexe, das ist irgendwie etwas anderes.

Der Zauber wirkt!

Peter seufzte erleichtert: „Na, Gott sei Dank!“ Und ich: „Gehen Sie den Weg der Liebe, nur Sie selbst können wissen, was das für Sie bedeutet. Ich werde jetzt eine Kerze für Sie entzünden, die Ihnen Kraft geben wird.“ Und ich vollführte ein magisches Ritual, das ich mir so spontan ausdachte. Ich fächelte dabei effektvoll mit den Armen, um den Fluch zu vertreiben, wie ich dem Anrufer erklärte, und flüsterte leise Dinge vor mich hin wie

„hebe Dich hinweg, Dämon der Finsternis, entlasse diesen Menschen aus Deinen dunklen Fängen, komm herbei, Engel des Lichts und segne diesen Mann!“

Das war so ungefähr der Text, den der Evangelist im Zug für mich gebetet hatte und ich fand, dass es sehr gut passte. Peter schien sehr zufrieden damit zu sein. „Ich danke Dir, ich danke Dir!“ Meine Zuschauer durften mich als Hexe nämlich duzen und ich nannte mich übrigens seither Skirron. Peter weiter:

„Ich fühle mich jetzt schon viel besser! Gott, ich bin ja so froh, dass ich angerufen habe, obwohl ich wirklich Skrupel hatte!“

Ein voller Erfolg, wie ich fand. Stolz konnte ich meinen Zuschauern in der nächsten Sendung berichten, dass Peter mich oder vielmehr die Redaktion zwei Tage später noch einmal angerufen hat, um mir ausrichten zu lassen, dass der Fluch vollkommen von ihm abgefallen sei und er geschäftlich wieder sehr erfolgreich sei. Peter kommt seither regelmäßig in meine Praxis und er ist wirklich einer meiner erfolgreichsten Klienten. Auch Alexander, mein Hofastrologe, profitiert inzwischen recht gut von meinen Empfehlungen. Wer übrigens denkt, dass überwiegend Frauen meinen Rat suchen würden, der liegt ganz falsch. Das dachte ich nämlich zuerst auch. In Wirklichkeit sind es viel mehr Männer, die ihr kleines Geheimnis aber in der Öffentlichkeit niemals preis geben würden. Ich natürlich auch nicht. Da bin ich ganz professionell.

Galgen, Turm und Teufelchen

Ich sagte also: „Sie müssen nicht daran glauben, es funktioniert trotzdem, wissen Sie…“ Und er: „Ach so, ja, es ist nämlich folgendes..“ Und dann erzählte er mir, dass er Postbote gewesen sei, bis er sich vor kurzem selbständig gemacht hätte. Und als er Postbote gewesen sei, na ja, da hätten sich eben ziemlich viele Gelegenheiten ergeben, einsame Hausfrauen, na, ich wüsste schon… Ja, ich konnte mir was drunter vorstellen… Ja, und da hätte er auch einmal etwas mit einer Hexe angefangen, einer schwarzen Hexe. Und als er sie dann verlassen habe, hätte sie ihn verflucht. Und seither wäre er geschäftlich vom Pech verfolgt. Das sei ganz offensichtlich. Was er denn nun tun könne?

Ich blickte nachdenklich in meine Kristallkugel. Die schwarze Katze hatte inzwischen ihr ausführliches Reinigungs-Ritual abgeschlossen und spazierte wie auf Regieanweisung an mein kleines Tischchen heran. Sie begann an der Kordel des Tuchs zu zupfen, in dem meine Tarot-Karten bewusst nachlässig, so dass sie halb offen lagen, aber ebenso pittoresk eingewickelt waren. Ich beschloss also, diesem Zeichen zu folgen und nahm die Karten zur Hand. Während ich ein keltisches Kreuz legte wie ich es mir aus einem der Bücher abgeguckt hatte, die mir die Regie zur Vorbereitung in die Hand gedrückt hatte, erzählte ich Peter, dass ein Fluch normalerweise nur in dem Maße wirksam sei, in dem der Betroffene daran glaube.

Aber er glaubte ja offensichtlich daran. Einen Fluch, sprach ich, könne man nur durch Liebe lösen. So widersinnig das im ersten Augenblick für ihn klingen möge. Ich besah mir die hübschen Bildchen, die ich da vor mir ausgebreitet hatte. Obwohl ich sie auf den zweiten Blick nicht mehr ganz so hübsch fand, weil das Bildchen in der Mitte einen ziemlich hässlichen Teufel zeigte und das darüber einen Mann, der an einem Galgen hing. Und auch den Turm fand ich nicht sehr beruhigend. Aber die Sonne gefiel mir und ich zeigte sie in die Kamera: „Sehen Sie, bald wird auch für Sie wieder die Sonne scheinen!“

Premiere – die Hexe geht auf Sendung

Ich konnte heute jeden Segen dieser Welt gebrauchen, denn ich hatte Premiere. So erschien es mir fast wie eine göttliche Fügung, dass der Evangelist in mein Leben getreten war. Zu meiner großen Überraschung war ich kaum nervös vor der Sendung. Das Ambiente stimmte, alles stimmte. Ich machte es mir zwischen den opulenten golddurchwirkten orientalischen Sitzkissen richtig bequem und harrte der Dinge die nun passieren würden. Dann gingen wir auf Sendung. Ich wurde von einem Sprecher angekündigt und sprach dann selbst einige huldvolle Worte zu den Zuschauern, die Arme geheimnisvoll züngelnd wie eine indische Tempeltänzerin. So als würde ich mich schon mal warm zaubern. Und dann wurde auch schon der erste Anrufer zu mir durchgestellt.

„Mein Name ist Peter.“

„Hallo, Peter!“

„Ich glaube ja eigentlich nicht an Zauberei…“

An diesen Satz würde ich mich wohl gewöhnen müssen. Das sagten sie alle sicherheitshalber erst mal. Dann aber zeigte sich meistens sehr schnell, dass sie durch und durch abergläubisch waren und jeden meiner Ratschläge auf den Punkt genau beherzigten und mich dann sogar noch mal anriefen, um sich zu vergewissern, ob sie alles richtig gemacht hätten. Die meisten riefen mich nicht nur ein zweites Mal an, sondern regelmäßig. Ich habe inzwischen eine magische Praxis eröffnet, zur Nachbehandlung sozusagen, und ich muss sagen, ich lebe nicht schlecht davon und es macht mir sehr viel Spaß.

Am Anfang dachte ich noch, dass man die Show möglichst absurd inszenieren muss, damit sie überzeugender wirkt, aber als ich allmählich herausfand, wie akribisch die Anrufer meine Anweisungen befolgten, wurde ich vorsichtiger. Hätte ich nämlich gesagt: „Lege der bösen Nachbarin ein frisch geschlachtetes, noch blutiges Huhn vor die Tür“, dann hätten sie das unzweifelhaft auch getan. Aber ich bin ja zum Glück eine gute, eine weiße Hexe.

Anderer Männer Frauen

Ich sah den Mann in der Garnitur nebenan genauer an. Sehr sympathisch. Aber er mich nicht. Auch nicht, als der singende Evangelist auf die Bühne trat. Das wäre doch nun wirklich eine gute Gelegenheit, sich mal unverbindlich zuzugrinsen. Dafür grinste mir der Mann zwei Reihen dahinter zu. Der, der beinahe mein Sohn hätte sein können. Der singende Evangelist näherte sich und fasste mich und den Typ nebenan an die Schulter:

„Gott liebt Dich!“ Noch immer kein Blickkontakt. Blödmann! Aber wahrscheinlich ist er nur verlegen, weil er kein deutsch spricht. Der Evangelist hielt bei dem Sohn inne, weil der sich beschwerte, dass er nicht zwangsmissioniert werden wolle. Er zählte alle Übeltaten der katholischen Kirche auf und als er erfuhr, dass der Evangelist evangelisch war, fragte er, ob Gott auch für den Krieg zuständig sei. Die Art von Diskussionen, die hochbegabte Kinder in dieser Lebensphase eben so abhandeln. Gähn. Ich nickte ihm freundlich zu, weil er mütterlichen Beistand nötig zu haben schien und er sonderte weiter seine intellektuellen Statements ab, während der Evangelist in seiner gottgesegneten Irrationalität und religiösen Verzückung mit der Leichtigkeit eines inspirierten Propheten seine Gebetsmühle klingen ließ – eine herrlich groteske Situation.

Schließlich gab ihn der Evangelist auf, segnete ihn trotzdem und kehrte zu uns zurück. Er hob also an, den Kanadier zu fragen: „Glaubst Du an Gott?“. Ich machte mich schon bereit, meine Übersetzungsdienste anzubieten, als der Kanadier sagte: „Ich schon, aber meine Frau nicht.“ Aha. Was hatte seine Frau hier zu suchen? Aber mir war schon klar, wenn Männer sich so verhalten verhalten, ist immer eine Frau im Spiel. Genauer gesagt: Ihre Frau oder Mama. Aber der Prototyp verhält sich nur verhalten, wenn Frau oder Mama anwesend ist und legt in Absenz sehr viel mehr Charme und Enthusiasmus an den Tag. So wie zum Beispiel der indonesische Verkäufer in meinem Asien-Laden. Der Kanadier aber schien ein ziemlich straffes Über-Ich-Programm installiert zu haben, das sogar in Abwesenheit seiner Mutter äh… Frau sehr effizient funktionierte. Da klingelte sein Handy. „Das ist meine Frau“, erklärte er uns und ich sagte:

„Ein Zeichen, ein Zeichen!“

Was aber nur der Evangelist verstand, der mich dann während des Telefonats ausführlich behandelte. Ich kriegte sogar ein persönliches Gebet mit aufgelegter Hand und ich dachte: Schaden kann es ja nicht. Außerdem mochte ich den ulkigen Evangelisten irgendwie.

Tiger und Ratte

Mein Hofastrologe Alexander hatte mir erst kürzlich erzählt, dass es mit der großen Liebe in 2020 endlich klappen würde. Er sagte, im März würde sich auf jeden Fall schon etwas zeigen und im April würde es dann manifest. Wahrscheinlich hier in meiner Wohnung. Falls ich dann noch hier wohne. Wie – falls ich dann noch hier wohne? Es ist Mitte Oktober und ich liebe meine Wohnung! Komisch, oder? Mein Hofastrologe spricht manchmal echt kryptisch. So zum Beispiel gleich, als er meine Wohnung betrat. Er sagte, er hätte überlegt, mir eine Flasche Wein mitzubringen, aber er dann hätte er sie auch mit mir trinken wollen und dann wäre er auch hier geblieben. Aha. Das scheint jetzt so einzureißen, dass ich zu solchen Dingen nicht mehr befragt werde. Alexander ist Ratte, ich bin Tiger und wenn wir zusammen sind, ist es immer ein bisschen so, als ob Tiger und Ratte umeinander herumschleichen.

Kann eine Ratte einen Tiger eigentlich lebensgefährlich verletzen? Ratten sind immerhin klein und wendig, während Tiger zwar stark und groß und vor allem sehr eindrucksvoll, aber auch behäbig und faul sind. Große Katzen eben. Und große Katzen spielen eben gerne mit großen Mäusen. Und Menschen, auch Ratten, haben ganz archaische genetische Programme, zum Beispiel Angst. Angst in ihrer Reinform sitzt als schlummernde Information in einem Gen und wenn Du in der freien Wildbahn einen Tiger siehst, wird das Programm aktiviert. Das Gen sendet in Sekunden-Bruchteilen eine Botschaft an das Stammhirn mit folgendem Text: „Nicht die große Katze streicheln!“ Wenn man allerdings Gladiator oder Dompteur werden möchte, muss man das Programm irgendwie überlisten.

Jedenfalls dachte ich mir, dass ich mir immerhin die Männer, die mir von nun an über den Weg laufen, auch mal näher ansehen könnte. Schließlich könnte ER, also der, mit dem es dann im April manifest wird, dabei sein. Und irgendwie gelang es mir, das Programm „Mann in freier Wildbahn = schnell weglaufen“ zu überlisten.